Unbeirrt von der überraschenden Kampfabsage seines Herausforderers David Haye am späten Mittwochnachmittag hat IBF-, WBO- und IBO-Schwergewichts-Weltmeister Wladimir Klitschko am Donnerstagmorgen sein Trainingsprogramm fortgesetzt. Nachdem der Schock über die Absage verdaut ist, bereitet sich „Dr. Steelhammer“ weiter konzentriert auf den Kampfabend am 20. Juni auf Schalke vor, der unbedingt gehalten werden soll. Die Chancen dafür stehen sehr gut. Bernd Bönte, Geschäftsführer der Klitschko Management Group (KMG), ist optimistisch, schon sehr bald einen neuen Top-Gegner präsentieren zu können: „Wir haben nach der Absage durch Haye innerhalb weniger Stunden mindestens ein Dutzend Angebote aus aller Welt bekommen. Wir wollen nur einen absoluten Top-Gegner verpflichten, und ich bin sehr zuversichtlich, dass wir den kriegen werden.“
David Haye hatte am Mittwochnachmittag über seinen Anwalt mitteilen lassen, dass er den für den 20. Juni angesetzten Kampf aufgrund einer Verletzung absagen müsse. Um 17.20 Uhr informierte Manager Bönte Wladimir Klitschko, der in seinem österreichischen Trainingscamp im Stanglwirt gerade eine Pressekonferenz vor 15 eigens angereisten britischen Journalisten abhielt.
Um welche Art der Verletzung es sich handelt, blieb zunächst offen. Später sickerte jedoch durch, dass Haye am Rücken verletzt sei. Am Donnerstag signalisierte Haye-Manager Adam Booth, dass sein Schützling in vier bis fünf Wochen wieder kampfbereit sei. Doch solange möchten Wladimir Klitschko und sein Management auch im Interesse der weit über 50 000 Zuschauer, die bereits eine Karte für die VELTINS-Arena gekauft haben, nicht warten.
Das nachfolgende Interview gab Wladimir Klitschko seinem Partnersender RTL am Mittwochabend. Zu diesem Zeitpunkt hatte das Klischko-Management u.a. bereits Kontakt zu den Promotern der beiden WBA-Champions Nikolai Waluev und Ruslan Chagaev aufgenommen, deren Kampf am vergangenen Wochenende kurzfristig abgesagt worden war. Während Ruslan Chagaev seine Bereitschaft erklärte, gegen Wladimir Klitschko anzutreten, sagte Nikolai Waluev am späteren Mittwochabend und nach dem RTL-Interview ab.
Wladimir, wie haben Sie die Kampfabsage aufgefasst?
„Ich bin sehr geschockt, ich habe das von David Haye nicht erwartet. Ich habe in dem Bereich allerdings meine Erfahrungen, denn im Dezember letzten Jahres sollte ich ja eigentlich Alexander Povetkin vor die Fäuste kriegen, der dann auch wegen einer Verletzung absagte. Damals hatte ich sechs Wochen Zeit, mich auf Hasim Rahman umzustellen, jetzt haben wir wieder die Situation, und ich will unbedingt aktiv bleiben. Ich habe deswegen nicht schon im März gekämpft, weil ich mich auf den Termin mit David Haye am 20. Juni konzentriert habe. Ich möchte jetzt nicht noch länger auf ihn warten, deshalb bleibt der Termin stehen. Wer mein nächster Gegner wird? Ich hoffe auf einen der beiden Weltmeister des WBA-Verbandes, also auf Ruslan Chagaev oder Nikolai Waluev. Ich hoffe, dass ich in kurzer Zeit einen Namen präsentieren kann.“
Was steckt Ihrer Meinung nach hinter der Absage?
„David Haye ist kein Freund von mir, und er wird es auch nicht werden. Ich habe es mitten während einer Pressekonferenz in meinem Trainingscamp erfahren und ich konnte es kaum fassen. Der Mann hat mich herausgefordert auf eine ganz freche Art und Weise, und er muss zu dem stehen, was er getan hat, und eigentlich müsste er im Ring stehen am 20. Juni. Jetzt muss er mit Wort und Gesicht darstellen, warum er sich zurückzieht. Ich habe nur die Information, dass er eine angebliche Verletzung bekommen hat. Wie lange es dauern wird, bis er wieder fit ist, kann ich nicht beurteilen. Dazu haben wir außer der Absage keine konkreten Infos.“
Wie geht es jetzt weiter?
„Es ändert sich gar nichts. Mein Trainingslager bleibt, ich bereite mich für den 20. Juni vor.“
Was würde es bedeuten, gegen Waluev oder Chagaev zu boxen?
„Sowohl Waluev als auch Chagaev sind in einer guten Form, beide hatten sich auf ihren Kampf gegeneinander vorbereitet. Beide sind Weltmeister, und wenn einer von ihnen am 20. Juni im Ring stehen wird, dann gibt das hoffentlich einen Vereinigungskampf. Das wäre ein Plus obendrauf und nicht nur ein David Haye ohne Titel.“
Wäre das gewissermaßen Glück im Unglück?
„Ja, das wäre Glück im Unglück. Die Verhandlungen laufen, und ich kümmere mich dabei auch um die vielen Fans, die sich auf den Kampf am 20. Juni genau wie ich gefreut haben. Wladimir Klitschko wird im Ring stehen, und wir arbeiten an einem Gegner, der hoffentlich auch einen Titel hält.“
Wie realistisch sehen Sie die Chance auf eine kurzfristige Einigung mit einem der beiden?
„Die stehen beide eigentlich auch unter Druck, weil es zwei Weltmeister gibt und keiner seinen Titel verlieren will. Aber einer muss seinen Titel verlieren, denn das kann ja nicht so weitergehen, wenn der Rückkampf nicht zustande kommt. Es wäre gut für den Sport, wenn einer der beiden gegen mich antreten wird, denn es wird schon langsam langweilig. Ich bin von der ganzen Situation im WBA-Verband ein bisschen genervt. Man kriegt nicht mit, wer der aktuelle Weltmeister ist. Die Hepatitis bei Chagaev ist nicht übertragbar, und deshalb hat das ganze Tam-Tam um die Absage in Helsinki keinen Sinn. Ich werde froh sein, wenn ich einen von den beiden vor die Fäuste kriegen und die Situation wieder glatt machen kann.“
Wie schwer wäre die Umstellung entweder auf Rechtsausleger Chagaev oder einen sehr großen Gegner wie Waluev?
„Ich bin bereit, bin in meiner besten Verfassung und ich bin ein Weltmeister. Und das heißt, dass ich gegen jeden antreten kann, ob er groß ist oder klein, ob er Rechtsausleger ist oder nicht, auch in zweieinhalb Wochen. Das wird mir genug Zeit geben, um mich umzustellen.
Unabhängig davon - wird es den Kampf gegen Haye noch geben?
„Ich will David Haye definitiv gerne vor die Fäuste kriegen, das ist mein Wunsch nach wie vor. Fürs erste hat sich David Haye automatisch selbst eliminiert. Ich finde es einfach wahnsinnig schade, dass so etwas passiert. Aber ich kann wirklich nicht beurteilen, was da gelaufen ist. Ich finde diesen Entzug eigentlich genauso bodenlos wie seine Taten. Er hat mich herausgefordert, nicht ich ihn, und jetzt zieht er sich zurück. Ich finde es schlecht, aber wie auch immer, ich wünsche ihm eine gute Besserung, dass er wieder fit wird und sich in die Schlange stellt und wartet, bis ich wieder eine freie Titelverteidigung habe.“
